Geschichte der Schützenlust seit 1825

Als im Jahre 1825 das Schützenfest neuer Zeitrechnung, das ''Neusser Bürger-Schützenfest'' begründet wurde, hatte das Regiment zwei Formationen: Grenadiere und Jäger. So blieb es, bis auf kleine Veränderungen, geraume Zeit. Es scheint, dass die Herren des Komitees offensichtlich immer bestrebt waren, Veränderungen im Schützenregiment enge Grenzen zu setzen. Neugründungen, die als ''Extracorps'' am Schützenfest teilnehmen wollten, wurden erst einmal abgelehnt. War es Angst vor etwaiger Konkurrenz oder war es eine Art Aufnahmeprüfung, in der man die Energie und Beharrlichkeit der Bewerber prüfen wollte. Jedenfalls hat sich dieser schöne Brauch, wie wir erlebt haben und noch erleben, bis in unsere Zeit erhalten.

Die 1864 gegründete und nicht zugelassene ''Schützengesellschaft Freischütz'' erwies sich als hartnäckig. Sie löste sich 1868 auf, um sich sofort wieder als ''Gesellschaft Schützenlust'' zu präsentieren. Dieser gelang es dann, ''die Erlaubnis zu erhalten, als ''Extra-Corps'' am Schützenfest teilzunehmen. Allerdings muss auch das ''Comitee'' die Sache Extracorps nicht immer ganz eng gesehen haben. 1866 sollte wegen des Preussisch-Österreichischen Krieges das Schützenfest ausfallen. Als jedoch 14 Tage vor der Kirmes Frieden geschlossen wurde, veranstaltete die ''Gesellschaft Freischütz'' ein zweitägiges Stern- und Vogelschießen im Scheibenstand in der Promenade, wobei Jacob Pilartz die Königswürde errang. Dieses Schießen war also keine vereinsinterne Veranstaltung, denn Jakob Pilartz war Scheibenschütze (Eintritt 1. Juli 1860) und wird in den Königslisten, z.B. in der ''Ehrentafel der Neusser Schützenkönige seit 1814'', unter dem Namen Jakob I. als Schützenkönig aufgeführt. Gelegentlich wird er unterschlagen, was aber wenig Sinn macht, wenn man den König des Jahres 1911, Jakob Servaes, als Jakob II. und 1913 Jakob Wirtz als Jakob III. zählt.

Angesichts dieser Zeugnisse ihrer Existenz im Neusser Schützenwesen kann man es der alten Schützenlust nicht verdenken, dass sie das Jahr 1864 als ihr Gründungsjahr angesehen und gefeiert hat. Die Schützenlust übernahm sogar 1874 und 1875 die Vorbereitungen zum Schützenfest. 1875 stellte sie mit Wilhelm Schneider den ersten Schützenkönig aus ihren Reihen. 1878 kam der Scheibenkönig aus der Schützenlust. Es war der Büchsenmacher Heinrich Speemann. 1897 wurde Karl Laufs aus der Schützenlust, Wirt im ''Kölnischen Hof'' auf der Krefelder Straße 13, Schützenkönig. 1900 ist er wieder Schützenkönig. Nun aber als Hubertusschütze und Wirt vom ''Kaiserhof'' im Glockhammer. Im Jahre 1899 hatten sich einige Mitglieder von der Schützenlust getrennt und die ''St. Hubertus Schützengesellschaft'' gegründet.

1901 wurde Peter Gallas, Leutnant der Schützenlust, Schützenkönig. Er war Maurermeister und wohnte auf der Düsseldorfer Straße 21, also ''an de Seitz Höf''. Die Uniform der Schützenlust war recht kleidsam. Zur weißen Schützenhose trug man einen grau-grünen, doppelreihig geknöpften Rock mit Hirschhornknöpfen, einseitig umgeschlagenem Revers und dunklem Stehkragen. Den Hut mit breiter, links aufgeschlagener Krempe schmückte eine Federagraffe. Die Offiziere trugen Straußenfedern am Hut, grün-weiße Schärpen als Feldbinden und Schleppsäbel.

Die Mannschaften haben, zumindest vor dem ersten Weltkrieg, ihre Scheibenbüchsen, manche auch Doppelflinten mitgeführt. Das Trinkhorn wurde mit einem Blumengebinde umwunden, jedoch nicht mit Blumen gefüllt, sondern mit einem Deckel verschlossen. Erst in den letzten Jahren der alten Schützenlust trug man das Trinkhorn nach Art der Jäger mit Blumen gefüllt.

Der erste uns bekannte Corpsführer und Vorsitzende war Hauptmann Heinrich Hahn, der 1894 im Alter von 48 Jahren verstarb. 1902 war Jean Hürtgen, Wirt auf der Rheinstraße, Chef der Schützenlust. Von 1913 bis 1929 war Theodor Lambertz Hauptmann und Vorsitzender.

Am 20. und 21. Juni 1914 feierte die ''Gesellschaft Schützenlust'' ihr 50-jähriges Bestehen. Sonntags war Festhochamt, Parade auf dem Markt vor Schützenkönig und Komitee. Grenadiere, Jäger, Hubertusschützen und 20 auswärtige Vereine feierten mit. Zur Erinnerung wurde eine Gedenkmedaille geprägt, auf der allerdings zu lesen ist: ''50-jährige Jubelfeier der Schützengesellschaft Neuss'' statt ''der Gesellschaft Schützenlust''! Der Erste Weltkrieg setzte dem allem ein Ende.

Es war ein kleines Regiment, das 1920 nach langen Verhandlungen mit den Besatzungsbehörden aufmarschieren durfte. Aber – die Schützenlust war dabei. Die Zeiten besserten sich; die Besatzung zog ab. 1927 gedachte man in Neuss mit vierjähriger Verspätung des 100-jährigen Bestehens des Neusser Bürger-Schützen-Vereins. Am 10. Juni 1928 feierten die ''weit über die Grenzen ihrer Vaterstadt bekannte und beliebte Gesellschaft Schützenlust'' (so die NGZ vom 6.6.1928) ihr 64-jähriges Bestehen. Das Festprogramm dieses 64. Stiftungsfestes enthält neben wenig Text und vielen Annoncen das ''Lied der Schützenlust, unserem Ehrenvorsitzenden und Ehrenhauptmann Theodor Lambertz gewidmet''.

Zum Schützenfest 1926 trat die Schützenlust mit berittener Corpsspitze an. Major Hermann Nell und Peter Zell als Adjutant. So blieb es auch 1927. 32 Teilnehmer meldete die Schützenlust, mit Theodor Lambertz als Hauptmann. Theodor Lambertz, genannt ''Lambertze Döres'' oder ''D‘r decke Lambertz'' war ein Hüne von einem Mann, groß von Gestalt und von imposanter Leibesfülle. Er war Hauptmann von 1913 bis 1929. Über diese spärlichen Daten hinaus wissen wir kaum noch etwas von ihm, aber er muss doch ''die Seele vons Ganze'' gewesen sein. Im August 1929 starb Theodor Lambertz. Sein Corps hat ihn nur um ein Jahr überlebt.

1929 meldete die Schützenlust 19 Mann unter Hauptmann Anton Stockheuser. Nach 1930 sank die Schützenlust in einen 20-jährigen Dornröschenschlaf. Mangelnder Nachwuchs, Mangel an Freunden und Gönnern haben vielleicht dazu beigetragen, dass die Gesellschaft Schützenlust die schweren Zeiten anfangs der 30er Jahre nicht überstand. Vielleicht aber gelang es auch nicht, sich der neuen Auffassung vom Schützenleben, nach der rein gesellige Veranstaltungen das Schießen weitgehend verdrängten, anzupassen.

Anscheinend aber hat das Komitee lange nicht glauben wollen, dass die Schützenlust nicht mehr mitmacht, denn in der alljährlich herausgegebenen offiziellen ''Fest- und Zugordnung'' lässt es die Schützenlust bis 1934 noch immer um 10.30 Uhr, je nach Tag, auf der Rheinstraße oder auf der Büttger Straße antreten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den darauf folgenden schweren Zeiten kam das Schützenfest nur langsam wieder zu neuem Leben. Als sich 1950 zwei neugegründete Züge, ''Jung-KKV Novesia'' und ''Rheingold'' nach einem passenden Corps umsahen, machten Komiteemitglieder ihnen den Vorschlag, die ''Schützenlust'' wieder aufleben zu lassen. Man schritt zur Tat. Als erstes galt es, eine Uniform zu schaffen. Selbstverständlich musste sie gut aussehen. Sie musste ''schmuck'', sollte aber auch bequem sein. Die meisten der Gründungsmitglieder hatten schon im Ernstfall Uniform getragen und wussten, wie unbequem so etwas sein kann. Die Uniform der auferstandenen Schützenlust war ein gelungener Wurf. Zum weißen Hemd die weiße Krawatte; der Rock war ein nicht allzu taillierter, graugrüner Zweireiher mit moosgrünem Besatz. Dieser Rock erwies sich im Laufe der Zeit als sehr praktisch, denn man konnte bei langdienenden, aber etwas sparsameren Schützen beobachten, wie sich, durch wachsende Leibesfülle bedingt, der Zweireiher durch ständiges Versetzen der Knöpfe zum Einreiher mauserte. Der Hut war ein gängiges, trachten- oder jägerhutähnliches Modell, dem man durch die linksseitig aufgeschlagene Krempe und einem Federstutz mit Haarrosette ein schützentaugliches Aussehen verlieh. Die Rangabzeichen entsprachen weitgehend denen der alten deutschen Armee. Dass das langgeschäftete Gewehr am Riemen geschultert wurde, trug ebenfalls zur Bequemlichkeit bei. Und nun hieß es: ''Hinein in die weißen Hosen!'' Es konnte losgehen.

Beim Schützenfest 1951 marschierten die Züge ''Jung-KKV Novesia'' und ''Rheingold'', von Theo Mainz als Hauptmann geführt, zur Parade. Jedenfalls wurde die wiedererstandene Schützenlust, die nach kundigem Urteil ''durch ihre Akkuratesse besticht'', von der Bürgerschaft freudig aufgenommen. Sie blieb bestehen und erfreute sich eines vorerst langsamen aber stetigen Wachstums. Brachte es Theo Mainz als Hauptmann auf vier Züge, so hinterließ der erste Major, Carl-Arthur Boetticher, als er 1959 seinen Abschied nahm, bereits acht Züge. Nach zehn Majorsjahren übergab Theo Mainz 1969 eine Schützenlust, die auf 19 Züge angewachsen war. Der ihm folgende im Amt, Dr. Hans Küppers, brachte es bis 1973 auf 21 Züge mit 330 Mann. Beim frühen Tode von Major Dr. Hans Reiner Hoffmann 1975 zählte das Corps 25 Züge mit 375 Mann. Herbert Meis brachte in elf Dienstjahren die Schützenlust auf 804 Mann in 54 Zügen. 1999, in seinem letzten Jahr als Major, hatte Jochem Dammer 74 Züge mit 1155 Mann ''unter den Fahnen''. – Doch zurück in die 50er Jahre.

1952 trat ein weiterer Zug der Schützenlust bei. Er rekrutierte sich ausschließlich aus Angestellten der Firma Thywissen und trug den Namen ''Cornel'' – zur Erinnerung an den langjährigen Präsidenten des Neusser Bürger-Schützen-Vereins, Cornelius Thywissen. Der Gründung eines Zuges mit dem Namen ''Theodor Lambertz'' – des letzten Corpsführers der alten Gesellschaft Schützenlust – war keine Dauer beschieden.

Am 17. März 1952 wurde ''Em schwatte Päd'' die erste Corpsversammlung gehalten. Das Corps gab sich den Namen ''Neusser Schützenlust 1950''. Diesem Namen wurde 1975 das ursprüngliche Gründungsjahr beigefügt. Nun heißt es ''Neusser Schützenlust 1864/1950''. Satzung und Vorstand wurden von den anwesenden Zügen ''Jung-KKV Novesia'', ''Rheingold'', ''Cornel'' und ''Theodor Lambertz'' gebilligt. Corpsführer und 1. Vorsitzender wurde Theo Mainz, Kassierer Hans Funkel, Schriftführer Kurt Hamacher, dazu Wilhelm ''Fucki'' Kraemer und Günther Töpfer als Beisitzer.

Das Komitee stiftete der Schützenlust eine Fahne, die nach einem Entwurf von Fucki Kraemer im Kloster Kreitz gefertigt wurde. Die Fahne wurde am 17. August 1952 im Quirinusmünster geweiht. Die Fahnengruppe stellte der Zug Rheingold. Rudi Haeffs als Fähnrich, Günther Heinemann und Josef Derstappen als Begleiter. Zu den Schützenfesten von 1952 bis 1954 wurde die Fahne von Gert van Opbergen getragen und von den Fahnenoffizieren Dr. Hans Reiner und Karl Heinz Hoffmann begleitet. Danach stellten auch andere Züge (Jung-KKV Novesia, Kreuzschiff, Neusser Kanu Club und Schermüskes) die Fahnengruppe. Die Stiftung einer Schwenkfahne durch Toni Ingmann und einer weiteren Fahne durch Rudolf Harnischmacher (1985) machten weitere Fahnengruppen nötig, die sich 1986 zum ''Fahnenzug'' zusammenschlossen, dem seitdem die vier Fahnen des Corps, darunter zwei Schwenkfahnen, anvertraut sind.

Marschierte man zum Schützenfest 1952 schon mit Fahne, so kam 1953 der Major dazu. Der Schützenkönig des Vorjahres, Carl Arthur Bötticher, ritt mit Adjutant Heribert Tils dem Corps, das um den Zug ''Hansa'' angewachsen war, voran.

Im Zuge der Entwicklung wurde neben den Grenadieren und Jägern – den Stammcorps des Regiments – nach und nach auch anderen Formationen die Teilnahme am Schützenfest als Extracorps gestattet. Diese hatten ihre Musik selbst zu stellen. Heute sagt man statt ''Extracorps'' ''kleine Corps''. Zu diesen gehört auch die Schützenlust. Da helfen ihr auch die 1200 Mann nicht, die sie auf die Beine bringt. Sie gehört nun einmal zu den kleinen Corps, die sich dadurch auszeichnen, dass ihre Mitglieder zu den Musikkosten mehr oder minder spürbar beitragen müssen. So war es schon eine beachtliche Leistung, dass die Schützenlust 1953 mit eigener Musik aufmarschierte.

Nun hatte man alles beisammen, was zu einem Corps gehört, und das Corps gedieh prächtig. 1953 kam der Zug ''Niederrhein'', 1954 die Züge ''Rollende Dötz'', ''Treu Kolping'' ''Kreuzschiff'' und ''Ruhige Kugel'' hinzu. Ein erfreuliches Wachstum, das auch heute noch, 50 Jahre nach der Wiederbegründung, anhält. Mit der Mitgliederzahl stieg auch der Bedarf an Musik. Neben den Musikern aus der näheren und weiteren Umgebung, die unserem Corps jahrelang treu gedient haben, waren auch Kapellen aus nah und fern besondere Blickpunkte, ja Attraktionen für die Neusser und ihre Gäste. Da waren die Polizeimusiker aus Düsseldorf und Köln, Englische Musikkapellen und sogar eine Kapelle der Roten Armee. Beim Schützenfest 1999 marschierte die Schützenlust mit sechs Tambourcorps, sechs Musikkapellen und einem Fanfarenzug.

Nach einer gewissen Anlaufzeit stellte sich auch für die Schützenlust die Frage: ''Wie halten wir es denn mit dem Fackelbau?''. Fackelbau hatte es bei der alten Gesellschaft Schützenlust nicht gegeben. Es gab also keine Tradition, auf die man zurückgreifen konnte. Man ging aber trotzdem ans Werk – schließlich hatte man ja auch den gesunden Ehrgeiz, es bei den schützenfestlichen Pflichten an nichts fehlen zu lassen. Angetrieben durch die ständigen Mahnungen der Majore: ''Jongens, nu baut doch och ens we‘er en Fackel!'' kam man auch auf diesem Gebiet langsam in Fahrt. 1963 waren es schon drei Fackeln, 1973 vier, 1983 sieben und 1993 dreizehn. Hier kann man nur sagen: ''Weiter so!'' Mittlerweile pendelt es sich so um das Dutzend Fackeln ein. Wenn die Schützenlust auch mit den großen Corps in der Quantität nicht mithalten kann, so haben wir doch in der Qualität gelegentlich einiges zu bieten.

Die alte Schützenlust hatte drei Schützenkönige gestellt. Der erste Schützenkönig der wiederbegründeten Schützenlust war Ernst Heitzmann im Jahr 1953/54. Danach errangen noch 11 Angehörige unseres Corps das Königssilber. Der bislang letzte in dieser Reihe ist Werner Schlüter, der 1988/89 die höchste schützenfestliche Würde trug. Es wäre ja schön, wenn im Jahr 2000, unserem Jubiläumsjahr, diese Reihe wieder einmal fortgesetzt würde.

Um Schützenkönig zu werden, braucht man neben Freude am Schützenfest und Liebe zur Vaterstadt ein gewisses Maß an irdischen Gütern und Schießkunst. Weitere drei Dinge sind ebenso unerlässlich: Mut, starke Nerven und Glück. Es gehört schon Mut dazu, sich zur Vogelstange zu begeben – zum Spiel: ''Alles oder Nichts''. Es gibt keine zweiten Sieger, keinen Vizekönig. Wir freuen uns, wenn der Schützenkönig aus unseren Reihen kommt. Unser Mitgefühl gehört jenen, denen das Glück nicht hold war. Es gibt Beharrliche, die den Versuch wiederholen – aber dass jemand es, wie Werner Schlüter, beim zweiten Anlauf schafft, ist recht selten. Der beharrlichste Bewerber in der Geschichte der Schützenlust ist Norbert Fassbender, dem auch nach viermaligem Anlauf das Glück versagt blieb.

Dieser kurze Abriss der Geschichte der Schützenlust endet im Jahr 2000, dem 136. Jahr ihres Bestehens und dem 50. Jahr ihres Wiederauflebens. Das war ein Blick in die Vergangenheit unseres Corps. Noch in weiter Zukunft soll es blühen und gedeihen – wachsen braucht es nicht mehr unbedingt.

Wir wollen uns dankbar daran erinnern, dass unser Land in diesen 50 Jahren die längste Friedensperiode seit Jahrhunderten erleben durfte. Wir wünschen den uns Nachfolgenden, dass ihnen, gleich uns, viel Freude und viele glückliche Stunden in der Schützenlust vergönnt sein mögen.

Hans H. Mausberg
im März 2000